Gestaltung

Diefenthaler, Annette: „Gestaltung“.

In: Erlhoff, Michael; Marshall Tim (Hg.): Wörterbuch Design. Basel 2008.

Der Begriff „Gestaltung“ meint zunächst einen Eingriff in die Umwelt, der zu deren absichtsvoller Veränderung führt.

Gegenstand der Veränderung können dabei unmittelbar wahrnehmbare Dinge wie Räume, Objekte oder Abläufe oder auch mittelbar wahrnehmbare Inhalte wie Lebensgestaltung, Gestaltung gesellschaftlicher Strukturen durch Politik usw. sein.

Meist wird Gestaltung jedoch als bewusste Modifikation der ästhetischen Erscheinung von Dingen, Informationen usw. verstanden und auch als Formfindung oder Formgebung bezeichnet, wobei die Form abstrakt, zwei- oder dreidimensional sein kann.

Damit verweist der Begriff auf einen bewussten Handlungsvorgang (die Tätigkeit oder der Prozess des Entwerfens) oder auch dessen Ergebnis (Produkt, Plan, Modell, Darstellung oder Aussehen, Gesamtentwurf).

Das Verhältnis der Begriffe „Design“ und „Gestaltung“ ist ambivalent: häufig als gleichbedeutend interpretiert, gibt es doch eine Differenzierung in der Wortwahl:

Im 19Jh. fand der Begriff „Gestaltung“ mit Beginn der Herstellung und somit der Formgebung industriell gefertigter Massengüter als Berufsbezeichnung Anwendung;

Auch „industrielle Formgebung“, „Industrie-Entwurf“ oder „Werkkunst“ wurden in diesem Zusammenhang verwendet.

Ziel war eine Abwendung von Kunst, Handwerk und Kunsthandwerk.

Während bis in die 70er Jahre hinein in nicht englischsprachigen Ländern Design als Synonym aufgrund der Assoziation mit banaler, oberflächlicher Produktkosmetik häufig abgelehnt wurde, etablierte sich der Begriff „Design“ im europäischen Sprachraum in den vergangenen Jahrzehnten als international anerkannte Bezeichnung für das Berufsfeld der Gestaltung sowie dessen Gegenstand und Ergebnis

Mittlerweile ist Design jedoch zum Modewort geworden, das in vielerlei Bereichen inflationär ge- und missbraucht wird:

Design-Teppich, Designer-Küche, Nagel-Design: Design ist ein Marketingargument und wird als solches in jedem erdenklichen Zusammenhang eingesetzt.

So ist wiederum eine gegenläufige Tendenz zu erkennen:

Zahlreiche Büros und Agenturen verwenden den Begriff „Gestaltung“ heute in ihrem Titel, um sich von dem Vorwurf des puren Stylings abzugrenzen um auf ein umfassendes Verständnis ihrer Profession hinzuweisen.

Dennoch wird im internationalen Kontext „Design“ meist äquivalent mit „Gestaltung“ verwendet.

Das deutsche Wort „Gestalt“ hat im Zusammenhang mit der Gestalttheorie, eine Forschungsrichtung aus der Psychologie, Eingang in den US-amerikanischen Sprachgebrauch gefunden:

Die Gestalttheorie ist ein Ansatz aus der Gestaltpsychologie, der sich mit der Entstehung von Ordnung im psychisch wahrnehmbaren Geschehen befasst.

Basis der Gestaltpsychologie sind die Arbeiten des Philosophen Christian von Ehrenfels aus dem Jahr 1890. Dieser bezweifelte entgegen den damals üblichen atomistischen Strömungen der Psychologie, dass eine Zerlegung eines Phänomens in seine Einzelteile tatsächlich zu einer Erkenntnis über den Untersuchungsgegenstand führen könne und berichtete von Qualitäten der Wahrnehmung, die sich aus der Betrachtung des Ganzen ableiten.

Von Ehrenfels bezeichnete diese als „Gestaltqualitäten“ und propagierte eine ganzheitliche Betrachtungsweise.

In der so genannten „Berliner Schule“ entwickelten Max Wertheimer, Wolfgang Köhler, Kurt Koffka und Kurt Lewin Anfang des 20. Jahrhunderts diesen Ansatz weiter und betrieben umfangreiche experimentelle Forschung auf dem Gebiet der Wahrnehmung.

Sie formulierten folgende Kernpositionen:

Das Ganze ist etwas anderes als die Summe seiner Teile.

Die Wahrnehmung des Ganzen unterscheidet sich von der Addition der Wahrnehmung der Einzelteile.

Die Teilelemente stehen zueinander in Beziehung und beeinflussen somit die Wahrnehmung des Ganzen, abhängig von der jeweiligen Struktur dieser Beziehung.

Die Eigenschaften der Einzelinhalte verändern sich durch ihre Zugehörigkeit zu einem Ganzen ebenfalls.

Dieser Ansatz wird als Gestalttheorie bezeichnet, auch um auf eine Relevanz für andere Wissenschaftsgebiete außerhalb der Psychologie zu verweisen:

Die Aussagen zur Gestaltqualität beeinflussten Forscher verschiedener Disziplinen, die eine alternative Methode zur Analyse durch Aufspaltung des Untersuchungsobjektes in seine einzelnen Bestandteile suchten.

Max Wertheimer definierte auf dieser Grundlage die so genannten Gestaltgesetzte, welche bestimmen, was visuell als Einheit wahrgenommen wird und was sich gegeneinander abgrenzt. Grenzen verlaufen demnach an „Qualitätssprüngen“, also an Stellen, an denen nach Wertheimer zwei unterschiedliche Qualitäten möglichst übergangslos zusammenstoßen und das entstehende Ganze möglichst einheitlich ist.

Das Gesetz der Prägnanz, auch das Gesetz der guten Gestalt genannt, ist den anderen Gestaltgesetzten übergeordnet:

Einzelelemente einer Darstellung werden zu Gestalten zusammengeschlossen, da optische Eindrücke aufgrund prägnanter Eigenschaften vom Wahrnehmungssystem zusammengeführt werden.

In mehrdeutigen Darstellungen werden bevorzugt Elemente wahrgenommen, die sich von anderen durch ein bestimmtes Merkmal abheben, so dass das Bild nicht als komplex und unvollständig, sondern als einfach und vollständig interpretiert wird.

Gesetz der Nähe: Elemente in räumlicher Nähe werden als zusammgehörig wahrgenommen.

Gesetz der Ähnlichkeit: Einander ähnliche Elemente werden eher als zusammengehörig empfunden als einander unähnliche.

Gesetz der Kontinuität: Reize, die eine Fortsetzung vorangehender Reize zu sein scheinen, werden als zusammengehörig angesehen. Objekte werden zeitlich aufeinander bezogen, so kann der Eindruck einer Bewegung entstehen.

Gesetz der Geschlossenheit: Einzelne Elemente, die eine Fläche umschließen, werden in der Regel als Einheit oder Muster aufgefasst; bei Bedarf werden Lücken geschlossen und fehlende Informationen ergänzt, um das Muster zu vervollständigen.

Gesetz des gemeinsamen Schicksals: Zwei oder mehrere Elemente werden als Einheit oder Gestalt wahrgenommen, wenn sie sich in die gleiche Richtung bewegen.

Gesetz der fortgesetzt durchgehenden Linie: Linien werden immer so gesehen, als folgen sie dem einfachsten Weg. Kreuzen sich zwei Linien, so geht der Betrachter nicht davon aus, dass der Verlauf der Linien an dieser Stelle einen Knick macht.

Stephen E. Palmer definierte in den 90er Jahren folgende Gestaltgesetze:

Gesetz der gemeinsamen Region: Elemente in abgegrenzten Gebieten werden als zusammengehörig empfunden.

Gesetz der Gleichzeitigkeit: Elemente, die sich gleichzeitig verändern werden als zusammengehörig empfunden.

Gesetz der verbundenen Elemente: Verbundene Elemente werden als ein Objekt empfunden.

Mittlerweile wurden über hundert Gestaltgesetze nachgewiesen. Teilweise finden diese, insbesondere in der Interfacegestaltung, direkte Anwendungen im Design-Bereich. Zahlreiche Forscher, die sich mit der Gestaltpsychologie befassten, emigrierten in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in die USA, wo sie ihre wissenschaftliche Arbeit fortsetzten. Dies hatte eine bemerkenswerte Weiterverbreitung und Entwicklung zur Folge, welche später nicht nur in den USA, sondern auch in Italien und Japan stattfand. In Deutschland wurde die Forschung der Gestalttheoretiker ebenfalls fortgesetzt, unter anderem durch Wolfgang Metzger, der bei Köhler und Wertheimer studiert hatte.

In einer interdisziplinären Diskussion zwischen Designern, Philosophen und Sozialwissenschaftlern über eine Gestaltung von komplexen intellektuellen, kommunikativen und sozialen Prozessen wurde die Gestalttheorie in den letzten Jahren wiederentdeckt und neu interpretiert.

Bernhard von Mutius fordert in diesem Zusammenhang die Ausbildung einer „Gestalt-Kompetenz“, welche den Designer befähigt, komplexe intellektuelle Herausforderungen zu bewältigen, die im Kontext der Informationsgesellschaft entstehen:

Das Berufsbild wird zunehmend von Wissen, Prozessen und Systemen dominiert.

Der Begriff „Gestaltung“ muss deshalb vermehrt auf immaterielle Objekte bezogen werden.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Begriffe veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s