Kultursemiotik

Posner, Roland/Schmauks, Dagmar: „Kultursemiotik“ In: Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart 2001

Kultursemiotik (lat. cultura: Landbau, Pflege; gr. semeion: Zeichen), die theoretische Reflexion über Kultur lässt sich bis Cicero zurückverfolgen.

Sie ging lange von einseitigen Definitionen aus und beschränkte sich auf bestimmte Aspekte von Kultur; erst die moderne Anthropologie und Semiotik untersuchten Kultur als einheitliches Phänomen.

Die Anthropologie unterscheidet soziale, materiale und mentale Kultur und die Semiotik stellt diese drei Gegenstandsbereiche in einen systematischen Zusammenhang, indem sie

eine soziale Kultur als eine strukturierte Menge von Zeichenbenutzern (Individuen, Institutionen, Gesellschaft) definiert,

die materiale Kultur als eine Menge von Texten (Zivilisation)

und die mentale Kultur als eine Menge von Codes.

Kultursemiotik im engeren Sinn beginnt bei E. Cassierer, der eine Kultur als Gesamtheit von symbolischen Formen charakterisiert und diese zum zentralen Gegenstand der Semiotik erklärt.

Der breitesten und überaus produktiven Definition der Tartu-Moskauer Schule zufolge ist Kultur die hierarchisch geordnete Gesamtheit aller Zeichensysteme, die in der Lebenspraxis einer Gemeinschaft verwendet werden.

Von diesen sind manche dauerhaft (Bild, Statue, Gebäude, Gesetzestext), andere nur in ihrem Vollzug wahrnehmbar, der entweder einmal (Happening) oder häufiger stattfindet (Gottesdienst).

Auch elementare Verhaltensweisen sind kulturell geformt, da jede Kultur etwa festlegt, wie eine bequeme Ruhehaltung aussieht und wie viel Schmerz man artikulieren darf.

Dieser semiotische Ansatz ist in Fortführung des Strukturalismus holistisch und dynamisch; ihm zufolge gibt es weder isolierte noch statische Zeichensysteme.

Er macht es möglich, die kulturelle Entwicklung als Übergang zu immer komplexeren Zeichenfunktionen zu verstehen.

Unter evolutionärer Perspektive wird ein Kontinuum zwischen Natur und Kultur angenommen, so dass kulturelles Handeln oft als Fortsetzung von natürlichem Verhalten gilt (z.B. Nestbau – Hausbau).

Nach Ju. Lotman ist jede Kultur als System konzentrischer Sphären rekonstruierbar, die von innen nach außen das kulturell Zentrale, kulturell Periphere, Nichtkulturelle und Außerkulturelle enthalten.

Dieses Modell erlaubt es, den Mechanismus des Kulturwandels zu beschreiben, der in der zunehmenden Semiotisierung der Welt besteht und an den Grenzen dieser Sphären stattfindet.

Der Übergang vom Außenkulturellen zum Nichtkulturellen setzt ein, wenn eine Kultur einen neuen Objektbereich entdeckt, ihn durch einen rudimentären Code erfasst und zum bekannten Wissensbestand in Beziehung setzt.

An der Grenze zwischen Kultur (Lotman spricht von >Semiosphäre<) und Nichtkultur entsteht ein Bedürfnis nach Übersetzung fremder Texte, die folglich Sinnbildungsprozesse in Gang setzen.

Hier definiert eine Kultur ihre eigene Identität, so dass nach Einverleibung des vorher Fremden ein Bedarf nach neuen derartigen Herausforderungen entsteht.

Im Inneren einer Kultur gibt es eine Binnengliederung in Zentrales und Peripheres.

Hier entsteht Dynamik, weil jeder Code dazu tendiert, eine zentrale Stelle einzunehmen, die durch weite Verbreitung, häufige Verwendung und hohes Prestige gekennzeichnet ist.

Zentrale Codes werden immer weiter verfeinert, standardisiert und automatisiert und greifen schließlich auf andere Zeichensysteme über.

Sobald diese wachsende Dominanz sie starr und damit unattraktiv macht, werden sie wiederum von flexibleren Codes verdrängt.

Dieser zyklische Prozeß verläuft in allen Bereichen jedoch unterschiedlich schnell: natürliche Sprachen verändern sich viel langsamer als ideologische Systeme.

Er lässt sich nur aufhalten, wenn alternative Codes für denselben Objektbereich nebeneinander bestehen. Günstig ist jeweils ein mittleres Ausmaß von innerer Vielfalt, da zu viele Codevarianten zu Chaos führen und zu wenige zu Stagnation.

Kulturwandel mit vorhersehbaren Ergebnissen nennt Lotman >Evolution<.

Den nicht vorhersagbaren Fall bezeichnet er als >Ausbruch< und lokalisiert ihn v.a. im Bereich von Kunst und Mode.

Dieser semiotische Ansatz erlaubt es auch, interkulturelle Prozesse zu beschreiben, etwa die Integration des Einzelnen in eine andere Kultur,

die Übernahme fremder Artefakte und Wertsysteme

sowie die Zitate fremdkultureller Zeichen.

Kultursemiotische Detailuntersuchungen beschäftigen sich mit bestimmten Arten des menschlichen Handelns und dessen Resultaten.

Jedes Werkzeug etwa ist eine Materialisierung von Erfahrungen, denn es weist bereits durch seine Gestaltung auf seine Funktion hin, wobei verschiedene Reflexionsstufen unterscheidbar sind.

Auf der niedrigsten Stufe wird ein Gebrauchswert zufällig entdeckt:

Man stellt etwa fest, das sich ein Fels zum sitzen eignet.

Das einfachste künstliche Pendant ist ein Hocker, während ein Stuhl bereits das zusätzliche Bedürfnis nach Bequemlichkeit erfüllt.

Auf den nächsten Stufen wird der Zweck der Artefakte explizit gekennzeichnet (Sessel) oder gar zelebriert (Thron).

Der Übergang zu höheren Stufen bewirkt eine Standardisierung der Objekte und zugleich eine Automatisierung des Umgangs mit ihnen.

Zeitgenössische Kulturen können in ihrer Gesamtheit untersucht werden, zu der auch flüchtige Gebilde gehören wie Tischdekorationen, Fernsehinterviews oder Großrituale.

Dir Archäologie hingegen kann sich oft nur auf materielle Zeugnisse stützen.

Auch hier hat sich eine umfassendere Perspektive durchgesetzt, die von den Objekten auf ihre Hersteller schließt und auf andere Kontexte, in denen sie verwendet wurden.

Irrtümer sind nie auszuschließen, da Objekte oft mehrere Funktionen haben oder in einen anderen Kontext übernommen wurden.

Ein bes. Typ von Artefakten sind Texte, d.h. Zeichenkomplexe, die durch eine festgelegte Bedeutung gekennzeichnet sind.

Der Textbegriff, der ursprünglich nur geschriebene Texte umfasste, wurde Anfang des 20Jh.s zunächst auf mündliche Äußerungen ausgedehnt und dann immer weiter, so dass heute jedes codierte Zeichentoken als Text gilt, sei es Bild, Musikstück multimediale Installation.

Das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gesellschaft wird durch Rituale und Inszenierungen stabilisiert, die oft eine Grenze zwischen semiotischen Sphären thematisieren, z. B. die Transzendenten (Gottesdienst), zur konkurrierenden Kultur (Sport, Quiz), zur Tierwelt (Zoo, Zirkus) oder Pflanzenwelt (Gärten, Parks).

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