Wirklichkeitsbegriff

Schmidt, Siegfried J. : „Wirklichkeitsbegriff“ In: Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart 2001

>Wirklichkeit<, so formulierte D. Benn in den 20er Jahren des 20.Jh.s,

ist >Europas dämonischer Begriff<.

Seitdem die gr. Philosophen in einer undurchschauten dualistischen Startoperation mit Hilfe von Dichotomien wie Sein/Schein, Subjekt/Objekt, Sprache/Bedeutung, Wirklichkeit/Erkenntnis zu denken begannen, laboriert die europ. Philosophie an dem Problem herum, wie die automatisch reifizierten der Dichotomie erkannt und ihre Beziehung zueinander bestimmt werden kann.

Bis in die Neuzeit dominiert dabei die Vorstellung, Wirklichkeit sei das peri échon, gleichsam der Raum, in dem die Objekte und Ereignisse unserer Lebenswirklichkeit positioniert sind.

Neben der dominanten Auffassung, Wirklichkeit sei das unabhängig von den Subjekten Bestehende, das durch geeignete kognitive Operationen (^Kognition) objektiv erkennbar sei, hat sich seit Demokrit und den Skeptikern bis hin zu Konstruktivisten (^Konstruktivismus, radikaler) und Systemtheoretikern (^Systemtheorie) der Gegenwart eine alternative Argumentation entfaltet, wonach Wirklichkeit nicht von Wahrnehmung und Erkennen und damit auch nicht von den erkennenden und wahrnehmenden Systemen getrennt werden kann.

Wenn wir aber in der Wahrnehmung nicht hinter die Wahrnehmung zurückgehen können, dann können wir über eine wahrnehmungs-jenseitige Wirklichkeit nichts aussagen.

Damit wird Wirklichkeit nicht etwa geleugnet, sondern die Hypothese vertreten, dass Wirklichkeit aus ^empirisch hoch konditionierten Prozessen des kognitiven, kommunikativen und poietischen Handelns von sozial interagierenden Aktanten im Rahmen einer Kultur resultiert (^Wirklichkeitskonstruktion).

Damit wird der Wirklichkeitsbegriff prozessualisiert und temporalisiert, aber auch pluralisiert; denn nun ist die Konsequenz unvermeidlich, dass es genau so viele Wirklichkeiten gibt wie wirklichkeitskonstruierende Systeme.

Aus der Einsicht in diese neue Ausgangsposition jedes Denkens ergeben sich erhebliche Anforderungen an unseren Umgang mit anderen Menschen, Kulturen und sozialen Institutionen, die jeden Anspruch auf absolute Wahrheiten sowie die Überlegenheit der eigenen Kultur obsolet machen und jedem von uns ein hohes Maß an Toleranz und Verantwortung abverlangen.

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