Wirklichkeitsbezug

Schmidt, Siegfried J. : „Wirklichkeitsbezug“ In: Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart 2001

Wirklichkeitsbezug, ein ^Text, welcher Art auch immer, ist durch das ^Zeichensystem der Sprache vermittelt, das nach den jeweils gültigen Diskurskonventionen ^Bedeutung bereitstellt, und insofern nie direkt auf Wirklichkeit bezogen.

Bei ausdrücklich fiktiven ^Texten (^Fiktion/Fiktionalität), erkennbar an Gattungsbezeichnungen oder innertextuellen Signalen, ist der Wirklichkeitsbezug noch geringer ausgeprägt.

Dennoch lassen sich Texte nur verstehen, wenn die Leser sie auf ihren eigenen Erfahrungshorizont und bei historischen Texten außerdem auf den damaligen, durch entsprechende Kenntnisse anzueignenden Wissensstand beziehen und dadurch Differenzen, Unbestimmtheiten, Unbekanntes usw. zu erkennen vermögen.

Die Fremdheit eines Textes kann dann bedeuten, dass die Rezipienten entweder einen bestimmten ^Diskurs (z.B. den der Rechtssprache) nicht beherrschen oder dass ein fiktiver Text vorliegt, der sich gängiger Erfahrungen verschließt und neue, unbekannte Bezüge öffnet.

Auch diese Bezüge können die Leser nur realisieren, wenn sie den fiktiven Text mit ihrer Erfahrung vergleichen, dadurch möglicherweise neue Einblicke in ihre Wirklichkeit gewinnen und ihren Erfahrungshorizont erweitern.

Bei ästhetisch gelungenen Texten zeichnen sich die fremden Stellen durch ^Unbestimmtheit oder traditionell (nach J.W.v. Goethe) durch Symbolhaftigkeit aus, die die Leser zwar mit ihren Erfahrungen auffüllen, nicht aber auf eine Bedeutung festlegen können: Sie bleiben polyvalent (^Polyvalenz), gehen in sofern nie in einem Wirklichkeitsbezug auf und fordern stets zu neuer Deutung heraus.

Die ^Autonomie des literar. Kunstwerks, von der in der ^Poetik (z.B. von E. ^Staiger) immer wieder behauptet wird, sie sei absolut und bilde eine >eigene Welt<, die gerade keinen Bezug zur Wirklichkeit hat, ist tatsächlich stets nur relativ:

Kunstwerke sind auch Dokumente ihrer Zeit und beziehen sich auf einen wie immer historisch gewordenen Erfahrungshorizont ihrer Autoren; diesen können Die Leser auch bei großem historischen Abstand nur über ihr eigenes Wirklichkeitsverständnis aktualisieren.

Die Tatsache, dass die großen Kunstwerke der Vergangenheit immer wieder unmittelbar zu wirken vermögen, hängt offensichtlich dami zusammen, dass sie Menschheitserfahrungen formulieren, die sich durch die geschichtliche Entwicklung als notwendig für menschliches Selbstbewusstsein und humane Selbstverständigung bewährt haben (K. ^Marx).

Der Text wird für die Leser dadurch aktuell, dass sie eigene (historisch vermittelte) Erfahrungen in ihm erkennen; umgekehrt wird ihnen der Text immer fremder, je mehr historisches Wissen sie sich über ihn aneignen.

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