Wirklichkeitsmodell

Schmidt, Siegfried J. : „Wirklichkeitsmodell“ In: Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart 2001

^Beobachter, die andere Beobachter beobachten, müssen damit rechnen, daß beide eben dies wissen und als Faktum unterstellen können.

Dadurch entwickeln sich die elementaren Wissensstrukturen, die im laufe der Evolution dazu geführt haben, dass Sozialität als Grundlage von ^Kommunikation und Sprache möglich geworden ist, indem bestimmte Wissenserwartungen aufgebaut wurden, die gegenseitig unterstellt werden konnten und auf die sich alle Interaktionspartner (wie fiktiv auch immer) verlassen konnten.

Durch die Vernetzung solcher reflexiver Wissensstrukturen (Erwartungserwartungen Unterstellungsunterstellungen) entstanden hochkomplexe Dimensionen kollektiven Wissens, die zwar kognitiv (^Kognition) in den Individuen erzeugt werden müssen, von ihnen aber aufgrund erfolgreicher Interaktionen und Kommunikationen als gemeinsam geteiltes Wissen unterstellt werden können.

In diesem Prozeß von Kommunalisierung und Kommunikation entstanden und entstehen Interaktionsgemeinschaften, die bestimmte Vorstellungen, Unterscheidungen und deren Benennungen in ihrer Erfahrungswirklichkeit zu teilen beginnen,

und d.h., die ein gemeinsames Modell für Wirklichkeit konstruieren, in Bezug auf dieses Modell handeln und dies auch von allen anderen Mitgliedern der Gemeinschaft verbindlich erwarten.

Diese Wirklichkeitsmodelle beziehen sich alle diejenigen lebensweltlichen Bereiche, die für eine soziale Gruppe wichtig sind, also Umweltkontakte, Partnerkontakte, Emotionen sowie Normen und Werte.

Wirklichkeitsmodelle fungieren für alle Mitglieder einer sozialen als Wissensordnungen für Problemlösungen, die aus erfolgreichen Problemlösungen entstanden sind und für weitere Problemlösungen zur Verfügung stehen.

Da sie als operative Fiktionen als verbindlich für alle Mitglieder unterstellt werden, ko-orientieren sie das Handeln der Mitglieder und schaffen damit verbindliche soziale Erwartungen, die kommunikativ wie interaktiv als verpflichtende gesellschaftliche Ordnung eingeschätzt

werden und wirken.

Wirklichkeitsmodelle werden in einer Gesellschaft ständig thematisiert und interpretiert.

Das Programm der gesellschaftlich verbindlichen semantischen Thematisierung von Wirklichkeitsmodell kann ^Kultur genannt werden.

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