Zivilisationstheorie

Wild, Reiner : „Zivilisationstheorie“ In: Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart 2001

Zivilisationstheorie,

der Begriff ist wesentlich mit Namen und Werk von N. Elias verbunden. In seinem 1939 erstmals erschienenen Hauptwerk Über den Prozeß der Zivilisation untersuchte Elias komplementären Zusammenhang zwischen zunehmender sozialer Verflechtung und sich verändernder psychischer Struktur des Einzelnen in der frühen europ. Neuzeit. Auf den materialen Untersuchungen aufbauend entwickelte er eine umfassende Theorie des historischen und sozialen Wandels, in der Soziologie, Psychologie und Geschichte miteinander verknüpft werden. Diese Z. hat Elias in weiteren Arbeiten, etwa in Die Gesellschaft der Individuen (1987), in Etablierte und Außenseiter (dt. 1990) oder in den Studien über die Deutschen (1989), an unterschiedlichen Gegenständen erprobt und weiter ausgearbeitet.

Inzwischen gibt es, insbes. im holländ. und angelsächs., ebenso im dt.sprachigen Bereich, eine beträchtliche Reihe von Studien, die an diese Konzeption anknüpfen und sie weiterentwickeln.

– Ausgangspunkt der Z. ist die wechselseitige Abhängigkeit und Angewiesenheit der Menschen, mithin die Interdependenz der verschiedenen menschlichen Lebensäußerungen. Die Beziehungsgeflechte, in denen sich Menschen immer schon vorfinden und in denen sich damit auch der Prozeß der Individuierung vollzieht, nennt Elias „Figurationen“. Diese ihrerseits miteinander verflochtenen Figurationen (wie Familie oder Staat, Schule, Berufsverbände, aber auch literar. Vereinigungen oder Freundschaftsbünde) bilden Funktionszusammenhänge und sind zugleich Organisationsformen von Machtverhältnissen. Nicht zuletzt infolge der wechselseitigen Beziehungen sind Figurationen dynamische Gebilde; ihre Entwicklung gehorcht Regelmäßigkeiten, welche die historischen Wandlungsprozesse bestimmen.

Die Intension der Z. ist es, die Regularitäten dieser Prozesse, innerhalb derer sich gleichermaßen soziale Gegebenheiten und psychische Strukturen verändern, möglichst umfassend zu formulieren. Sie bietet damit in der komplementären Verbindung von Soziologie als Analyse von Formen der Vergesellschaftung, Psychologie als Analyse des Individuums und Geschichte als Analyse des historischen Wandels eine theoretische Grundlage für die Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen heterogenen und scheinbar getrennten Bereichen der menschlichen Lebensäußerungen, mithin auch für Synthesebildungen.

Nicht zuletzt stellt die Z. ein theoretisch- methodisches Instrumentarium für die Erforschung der Geschichte des Unbewussten bereit; die für den europ.-neuzeitlichen Prozeß der Zivilisation kennzeichnende Verwandlung von gesellschaftlich erfahrenem Fremdzwang in Selbstzwang des Individuums bietet dafür ein Beispiel.

„Zivilisation“ im Sinne dieser Theorie ist weder ein normativer Begriff, mit dem bestimmte Verhaltensweisen als allgemeingültige behauptet werden sollen, noch ein teleologischer, mit dem Ziele oder Zwecke von Geschichte bestimmt würden (gar im Sinne einer Überlegenheit europ. Standards über andere); vielmehr ist „Zivilisation“ ein deskriptiver Begriff, welcher in umfassender Weise die Gesamtheit der menschlichen Lebensäußerungen, von den praktischen alltäglichen Verrichtungen bis hin zu den geistigen Tätigkeiten bezeichnet (und damit im übrigen auch gegen die im dt.sprachigen Bereich lange tradierte Unterscheidung von Zivilisation und Kultur gerichtet ist).

– In den Lit.wissenschaften hat die Z. seit den 1970er Jahren verstärkte Beachtung gefunden, wobei allerdings vornehmlich auf den historisch- materialen Ertrag der Arbeiten von Elias Bezug genommen wird; das gilt insbes. für die Mediävistik, in der Elias stark rezipiert wurde. Die theoretischen Möglichkeiten, welche die Z. gerade für eine kulturwissenschaftlich orientierte Lit.wissenschaft anbietet, werden hingegen erst in jüngerer Zeit intensiver diskutiert und sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

Den Versuch einer theoretischen Entfaltung der Bedeutung der Z. für die Lit.wissenschaft hat R. Wild in Lit. im Prozeß der Zivilisation (1982) unternommen. Ausgehend von der Bestimmung literar. Handelns als eines Teilbereichs zivilisatorischen Handelns, gleichermaßen als integrales Moment des zivilisatorischen Prozesses und als dessen reflexive Durcharbeitung im Entwurf alternativer Möglichkeiten, entwickelt Wild eine Reihe möglicher Funktionen von Lit. im Prozeß des historischen und sozialen Wandels, mit denen das Wechselverhältnis von zivilisatorischen oder kulturellen Wandel und lit. Prozessen näher bestimmt und so lit.wissentschaftliches, insbes. lit.historisches Arbeiten zivilisationstheoretisch begründet werden kann.

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